
Manchmal braucht es keine lange Diskussion über Rollenbilder, Respekt oder den Umgang zwischen Männern und Frauen. Manchmal reicht ein einziger Chatverlauf. Dieser hier begann mit einem „Hallo“. Soweit, so normal.
Doch schon kurz darauf folgten „Liebe“, „Sex“, die Bewertung meines Hinterns, die Bitte um ein Foto und schließlich das Angebot eines Nacktfotos. Die persönliche Vorstellung des Mannes fiel ebenfalls bemerkenswert kompakt aus: Er sei ein Mann und ein „Ficker“. Romantik kann so effizient sein.
Das wirklich Interessante an diesem Chat ist für mich aber gar nicht die vulgäre Sprache. Menschen dürfen Sex mögen, offen darüber reden und auch nach unverbindlichem Sex suchen. Daran ist zunächst überhaupt nichts Verwerfliches. Interessant wird es an einer anderen Stelle: Welches Bild von Frauen muss ein Mann eigentlich haben, wenn er glaubt, dass diese Art der Ansprache Erfolg verspricht?
Da wird nicht gefragt, wer der andere Mensch ist. Es gibt kein Kennenlernen, kein Interesse, keinen Humor, keinen Flirt, nicht einmal den Versuch, irgendeine Form von Sympathie entstehen zu lassen. Stattdessen scheint die Vorstellung zu sein: Ich sage einer Frau möglichst schnell, dass ich Sex will, kommentiere ihren Körper, biete ein Nacktfoto an – und dann wird sie schon irgendwie Lust bekommen.

Noch absurder wurde es in diesem Fall dadurch, dass der Mann offenbar nicht einmal mein Profil angesehen hatte. Denn dann hätte er möglicherweise eine Kleinigkeit bemerkt: Ich bin ein 57-jähriger heterosexueller Mann. Er wusste nicht einmal meinen Namen.
Und genau das macht die Sache für mich fast sinnbildlich. Es ging offensichtlich überhaupt nicht um die Person auf der anderen Seite. Wer sie ist, was sie sucht, was sie interessiert oder ob sie überhaupt eine Frau ist, spielte offenbar keine besondere Rolle. Hauptsache erst einmal „Sex“.

Natürlich ist dieser Chat ein extremes Beispiel. Und selbstverständlich kommunizieren nicht „die Männer“ so. Die meisten Männer dürften selbst den Kopf schütteln, wenn sie solche Nachrichten lesen. Aber Frauen berichten nicht erst seit gestern davon, regelmäßig mit ungefragten sexuellen Nachrichten, plumpen Kommentaren und Bildern konfrontiert zu werden. Und vielleicht lohnt sich deshalb die Frage, was hinter einer solchen Form der Kontaktaufnahme steckt.
Denn Flirten darf direkt sein. Flirten darf frech sein. Es darf zweideutig, schmutzig und verdammt sexy sein – wenn beide daran Spaß haben. Aber dazu muss man zunächst einmal wahrnehmen, dass auf der anderen Seite ebenfalls ein Mensch sitzt. Mit eigenen Wünschen und eigenen Grenzen. Und mit der bemerkenswerten Eigenschaft, nicht automatisch feucht zwischen den Beinen zu werden, nur weil irgendein fremder Mann „ficken“ schreibt.

Eigentlich keine besonders komplizierte Erkenntnis. Sollte man meinen.
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