
Morgen wird in Israel gewählt. Und während ich die Berichte darüber sehe, geht mir wieder etwas durch den Kopf, das mich eigentlich begleitet, seit ich alt genug bin, Nachrichten zu verstehen:
Warum hört das da unten eigentlich nie auf?
Ich bin mit Nachrichten über Krisen und Kriege im Nahen Osten groß geworden. Krieg, Waffenstillstand, Anschlag, Vergeltung, neue Verhandlungen, gescheiterte Verhandlungen, wieder Krieg. Israel, Palästina, Gaza, Westjordanland, Libanon, Iran, Irak, Syrien – irgendwann kommt man als Außenstehender kaum noch hinterher, wer gerade gegen wen kämpft und warum.
Natürlich weiß ich, dass der heutige israelisch-palästinensische Konflikt nicht einfach „seit 2.000 Jahren“ derselbe Konflikt ist. Politisch ist er wesentlich jünger. Aber seine religiösen, historischen und territorialen Wurzeln reichen teilweise Jahrtausende zurück. Und genau das scheint ihn zusätzlich so unglaublich aufzuladen.
Vielleicht bin ich zu naiv oder zu gutgläubig. Aber ich verstehe diesen Hass nicht.
Da berufen sich Menschen auf Religionen, die ihnen moralische Regeln geben, und gleichzeitig werden im Namen von Religion, Volk, Land und Geschichte Menschen getötet. „Du sollst nicht töten“ und die Verantwortung gegenüber dem Mitmenschen sind schließlich keine exklusiv christlichen Ideen. Judentum und Islam kennen ebenso das Verbot des Mordens und die Pflicht gegenüber anderen Menschen.

Und trotzdem sieht man Bilder von Männern, die mit Gewehren in der Luft jubeln. Man hört „Tod Israel“, „Tod Amerika“ oder auf der anderen Seite Forderungen nach Vertreibung und immer neuen Gebietsansprüchen.
Und dann die Politik.
Israelische Siedlungen wachsen im Westjordanland weiter. Palästinenser erleben Besatzung, Vertreibung und Perspektivlosigkeit. Israelische Familien erleben Terror, Raketen und die Angst, dass Menschen ihre Vernichtung wollen. Gaza liegt nach Jahren des Krieges am Boden. Iran und seine Verbündeten mischen mit, andere Staaten verfolgen ihre eigenen Interessen – und die Weltgemeinschaft redet seit Jahrzehnten von Frieden.
Jede Seite kann auf ihre Toten zeigen.
Jede Seite kann auf erlittenes Unrecht zeigen.
Jede Seite kann erklären, warum sie der anderen nicht mehr vertraut.
Aber irgendwann müsste doch jemand sagen:
Bis hierhin. Wir können die Vergangenheit nicht mehr ändern. Aber wir können verhindern, dass unsere Kinder dieselbe Vergangenheit noch einmal erleben müssen.
Denn genau das bekomme ich nicht in meine Rübe.

Eine Generation erlebt Hass und Gewalt. Sie erzählt ihren Kindern davon. Die Kinder wachsen mit diesem Feindbild auf, erleben vielleicht selbst wieder Gewalt – und geben es an ihre Kinder weiter.
Wann hört das auf?
Vielleicht ist genau das die entscheidende Frage. Nicht, wer vor 100, 500 oder 2.000 Jahren zuerst Recht oder Unrecht hatte.
Sondern:
Wie viele Generationen sollen noch dafür bezahlen?
Was denkst du dazu?
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